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  • buerge16

Der Auto-Entzug und Kater Kurt

Ich stehe vor meinem leeren Parkplatz. Die 12 ist leer. Kein Auto mehr. No cars go. Und ich frage mich: Was kommt als nächstes? Eine eigene Katze, die Regula oder Kurt heisst? Verwundern würde mich in diesem Jahr nichts mehr.

Wahrscheinlich hat alles, was mir in diesem Jahr passiert ist, nichts mit Corona zu tun. Eher mit Intuition. Weil eigentlich ist mir das meiste nicht passiert. Ich habe Dinge gewählt. Zwar nicht intellektuell abgewogen, aber gefühlt. Und mich bewegt.

Seit dem 1. Januar lebe ich vegan. Im Sommer davor erst wurde ich Vegetarier. Sechs Monate später gab es kein Zurück. Beste Entscheidung ever. Also nach der Entscheidung für meine Frau. Und für die Kinder. Und – okay – Journalist zu werden. Also eine der besten Entscheidungen ever. Ich sage hier nicht warum. Ihr könnt mich fragen. Weil – hey – ich bin vorsichtig geworden. Denn die Reflexe sind immer noch stark: «Was? Veganer? Geht’s dir gut? Und B12? Wenigstens die Kinder nicht! Gottseidank! Komm mir einfach nicht sektiererisch, GELL! GELL?» Nein, will ich nicht. Aber gut geht’s mir. Seltsam ist es trotzdem manchmal. Wenn wir mit den Nachbarn im Sommer am Waldrand stehen und ich gesagt bekomme: «Ist ja okay, das mit dem vegan. Aber dass Du jetzt vegane Würste drauflegst, das ist gopfertelli schon daneben. Das nervt mich uhuere. Könnt ihr euch nicht etwas Eigenes einfallen lassen?»

Dann kam das mit den Kleidern. Ich kaufe kaum mehr welche. Also keine Fast-Fashion. Und auch sonst eigentlich nix. Die Flipflops im Sommer, das wars. Ist gut fürs Karma. Früher gab es je eine Shopping-Tour im Frühling und Herbst. Jetzt krame ich halt etwas weiter hinten im Schrank. Ich sag nur: Minimalismus. Es gab dieses Jahr diese Doku, dass ein Mensch nur 33 Kleidungsteile haben muss. Und wenn du die geschickt kombinierst und wechselst, merkt niemand, dass du immer dieselben Fetzen trägst. Das ist wahnsinnig befreiend.

Der Job ist auch weg. Wegen Massentlassung. Aber eigentlich auch intuitiv. Denn ich meldete schon vor 2 Jahren an, dass ich mich verändern werde. Das Universum hat mitgearbeitet. Jetzt ist es so. Und es ist spannend. Denn jede Veränderung stellt zuerst mal eine Bedrohung für uns dar. Für Mensch und Tier. Das ist in unseren Genen und hat eine überlebenssichernde Funktion. Wir machen darum eine refklektorische Bedrohlichkeitsprüfung. Ist etwas bedrohlich? Falls ja: ist es zu bewältigen? Falls nein, reagieren wir im Notsystem mit Flucht, Angriff oder Totstellen. Falls es bedrohlich, aber zu bewältigen ist, reagieren wir mit einer Abwehrstrategie. Wir blocken ab. Falls wir etwas nicht bedrohlich finden, prüfen wir die Chancen. Ich habe von Abwehrstrategie auf Chancen gewechselt. Und in ein paar Monaten sehr viel gelernt. Dass ich manchmal einfach eine Entscheidung treffen muss. Und dann die nächste.

Seit einem Jahr verzichte ich auch auf Flugreisen. Berlin mit dem Zug? Geht. Das heisst, wenn in Zwolle, oder wie das Kaff hiess, nicht der Zug stehen geblieben wäre und 2000 Leute in einen anderen vollbesetzten ICE hätten wechseln müssen. Da überlegte ich mir, mich im Panikmodus tot zu stellen. Stattdessen setzte ich mich auf den Boden. Und überlebte.

Und eben. Jetzt ist das Auto auch weg (Karma, Bewusstsein). Ich frage mich, warum all diese Veränderungen gerade jetzt geschehen. Früher sah ich die Lichter von Paris und Schanghai, jetzt seh’ ich nur die Rücklichter vom Bus vor der Post Höngg, wenn der Schlaumeier von Chauffeur meint, er könne eine Minute vor dem Fahrplan abfahren, nur damit er in Oerlikon am Bahnhof etwas länger paffen kann.


Und dann die Katze. Ich wäre ja ein Hundetyp. Katzen mochte ich nie. Kann man nicht dressieren, machen, was sie gerade wollen. Und die Nachbarskatzen haben mir nachweislich auf die Terrasse geschissen. Zwei Haufen direkt neben den Grill. Ich hab’ sie darum eine Zeitlang weggeklatscht. Also – nicht falsch zu interpretieren - ich ging klatschend auf sie zu. Höchstwahrscheinlich sah das etwas debil aus. Es kamen jedenfalls nicht mehr viele. Aber die Kinder haben mich jetzt trotzdem soweit. Sie wollen Katzen. Und wir haben in Tierheimen nachgeschaut. Erhältlich sind gerade Jordi, Noa und – ganz ehrlich – Regula. Mein Sohn meint, wenn es Regula gibt, dann eventuell irgendwo auch Kurt. Wir warten also auf ihn. Den Kater Kurt fände ich cool. Das mit der Terrasse war wohl sowieso ein Igel.


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