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  • buerge16

Diego, der Magnet


Nein, keine Angst, Keine Hommage an Diego, Eine klitzekleine Anekdote dennoch. Vor zwei Jahren hätte ich ihn treffen sollen. Das heisst, ich traf ihn auch. Aber es war etwas anders, als ich es mir ausgemalt hatte. An der Uhrenmesse Baselworld lud Hublot seine Botschafter, Usain Bolt und eine ganze Reihe grossartiger Fussballer, zum Fussballplausch ein. Darunter auch Diego. Der Deal meiner persönlichen Einladung war folgender: Sieben ausgewählte Journalisten am runden Tisch mit dem Fussballgott, 15 Minuten Zeit für ein Interview. Bei fast jedem anderen hätte ich dankend abgelehnt. Unter 30 Minuten reist man höchstens noch für Federer irgendwo hin. Aber Diego? Das ist das oberste Regal. Ich rechnete mir eine oder zwei Fragen für mich aus und hatte mir etwas Emotionales aus Mexiko 1986 zurechtgelegt. Ich war nervös. Denn es ist das eine, Weltstars zu interviewen, die jünger sind, aber eine ganz andere Dimension, ein Kindheits- und Jugendidol, das du auf Knien vor dem Fernseher angefeuert hast, vor dir zu haben. Ich machte mich auf in dieses Sitzungszimmer. Und dann kam es so:

Türe auf. Diego hat sich auf einen Sessel fallen lassen. Auch dabei: 3 Kamerateams, 15 weitere Journalisten, 25 Menschen, die ihre Smartphones auf Diego richten. Und jede Menge Kinder. Dann steht Diegos Medienmanager auf: «Sorry, Diegos Flieger geht in einer halben Stunde. Wir haben kaum Zeit. ('We affe notte muche taim') Ich werde stellvertretend drei Fragen stellen.»

Medienmanager: «Diego, wie war es, Teil dieses fantastischen Abends zu sein?»

Diego (auf italienisch): «Penso che… una serata fantastica. (Pause) Con molti amici.»

(im Hintergrund laute, wirklich sehr laute ‹Diego! Diego!›-Rufe, die Menschen klatschen mit den Händen über dem Kopf im Takt).

Medienmanager: «Wie verändert sich der Fussball, wie wird der Fussball der Zukunft sein?»

Diego: «Penso che…»

(im Hintergrund laute ‹Diego! Diego!›-Rufe)

Diego: «Penso che il calcio….. ah, … il calcio sempre… (lange Pause) è come questo orologio.»

(er zeigt auf seine beiden grossen Uhren, die er an beiden Handgelenken trägt.)

Diego nun laut: «Ublo! Ublo! Va avanti e avanti.»

Medienmanager: «Grande Diego! Grande! Grazie!»

(im Hintergrund laute ‹Diego! Diego!›-Rufe)

Der Medienmanager führt ihn mit zwei Securitys durch die Menge, die schiebt, die ihre Shirts unterschrieben und ihre Selfies im Kasten haben will.

Vor der Türe will eine ambitionierte Journalistin nochmals eine Frage stellen. Diego grinst, ein Security rempelt sie mit dem Ellbogen zur Seite.

Diego winkt. Der Manager winkt.

Aufbrandender Applaus, laute Diego-Rufe.

Abgang, Türe zu.


Ich weiss noch, wie ich aus diesem Zimmer ging. Nicht einmal wütend, dass es nicht zu einem Interview kam und diese Veranstaltung so aus dem Ruder lief. Aber für den clownesken Auftritt von Diego empfand ich Scham. Umso erstaunlicher wirkte die Begeisterung, die ihm nach all den Jahren entgegenschwappte. Diego hätte 15 Minuten lang in der Nase bohren können - die Menschen hätten dennoch mit den Händen über dem Kopf im Takt geklatscht. Er war ein Magnet, immer noch. Auf der Rückfahrt dachte ich an die Bilder von 1986. Sein Wahnsinns-Solo gegen England, an den Final gegen Deutschland. In dem Rudi Völler, der später wegen seiner Locken auch "Tante Käthe" genannt wurde, im grässlichen froschgrünen Dress zum 2:2 ausglich. Und dann schickte Maradona mit einem Steilpass Jorge Burruchaga auf die Reise. Ich schrie, ich heulte. Und fühlte, dass mir dieses blauweisse Argentinien immer näher sein würde als alle anderen Teams. 32 Jahre danach dachte ich: ich will mich vor allem an diese grosse Stunde erinnern.

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